AUFBRÜCHE IN DIE DIGITALE GESELLSCHAFT

Ein Forschungsprojekt des Zentrums für Zeithistorische Forschung

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Logo der Bundespost verballhornt als Posthörnchen (statt Posthörnchen)

BTX-Hack am 17.11.1984: Angriff der CCC-Hacker auf die Deutsche Bundespost

Vor 30 Jahren gelang es zwei Hackern des Chaos Computer Clubs (CCC) über das neue Kommunikationsnetz BTX der Hamburger Sparkasse eine empfindliche Geldsumme zu entwenden, um auf die Sicherheitslücken des Systems hinzuweisen. In Vorbereitung des Jahrestages publizierte unsere Projektmitarbeiterin Julia Erdogan einen Artikel zum Hack in der Zeitgeschichtssparte des Online-Leitmediums Spiegel ONLINE.

Jahrestage haben derzeit Konjunktur in Deutschland. Gerade erst wurde in Berlin mit einer Lichtinstallation dem Mauerfall vor 25 Jahren gedacht, schon jährt sich ein weiteres Ereignis jüngster deutscher Zeitgeschichte, das vielleicht nicht für jeden Bürger präsent ist. Am 17.11. jährt sich der BTX-Hack zum dreißigsten Mal. Mit dem BTX-System, das mit einer Kombination aus dem Fernsehgerät und einem Modem bedient wurde, wollte die Deutsche Bundespost Anfang der 1980er-Jahre Datennetzwerke auch endlich in Deutschland der Breite der Bevölkerung zugänglich machen.
Der Hack des Systems offenbarte nicht nur die eklatanten Schwächen der stark zentralisierten Architektur des Netzwerkes BTX. Es brachte mit einem Schlag eine gesellschaftliche Gruppe in das mediale Rampenlicht, die in unserer technisierten Gesellschaft bis heute Bedeutung hat: Der Chaos Computer Club. Er gilt seitdem als eine computertechnische Watchgroup für die Entwicklung und Nutzung digitaler  Technologien und bleibt ein steter Mahner im Strom gedankenlos-euphorischer Computeradaption. Julian Erdogan schildert in ihrem Artikel in präziser Weise den Ablauf des Hacks, seine umstrittene Interpretation und dessen mediale Nachwirkung. Sie kommt zu dem Schluss:

Entscheidend war, dass durch den Hack das Thema Datensicherheit in BTX in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. […] Der CCC allerdings, der seit September 1981 als loses Netzwerk existiert hatte, konnte sich nach dem Vorfall zunehmend als Institution etablieren. Hacker des CCC wurden zu gefragten Experten in puncto Datensicherheit.

Julia Erdogan: Der legendäre Klack-klack-Hack. In: Spiegel Online vom 13.11.2014. URL: http://www.spiegel.de/einestages/btx-hack-1984-angriff-der-ccc-hacker-gegen-die-bundespost-a-1002443.html [Abgerufen am 13.11.2014 um 18:39]

 

Bildquelle: Reinhard Schrutzki

30 Jahre BTX-Hack – Ein Countdown

Anlässlich des 30. Jahrestages des BTX-Hacks hat die Wau Holland Stiftung einen Countdown gestartet, der bis zum 17. November, dem Tag des Ereignisses, herunter zählt. Dabei werden täglich Quellen  rund um den Hack veröffentlicht. Außerdem plant die Stiftung am 17. November ab 18 Uhr im Berliner Congress-Centrum eine Podiumsdiskussion, um an dieses wichtige Ereignis der deutschen Hackergeschichte zu erinnern.

Der Chaos Computer Club (CCC) ist bekannt für sein Engagement für Datenschutz und Datensicherheit. Diese Wahrnehmung von Hackern als Datenschützer nahm 1984 aufgrund des sogenannten BTX-Hacks ihren Anfang. Das Bildschirmtextsystem (BTX) der Deutschen Bundespost wurde 1983 deutschlandweit in Betrieb genommen. Es verband als Onlinedienst das Telefon und das Fernsehgerät miteinander. Sicherheitslücken und unausgefeilte Programmierungen machten das System zum Angriffsziel zahlreicher Hacker. Kritik und Verbesserungsvorschläge des CCC nahm die Post nicht an, was Wau Holland – Mitbegründer des CCC – und Steffen Wernéry zu einer medienwirksamen Aktion verleitete.

Durch einen Überlauf an Zeichen habe das BTX-System fälschlicher Weise aufgrund einer Sicherheitslücke die Zugangsdaten der Hamburger Sparkasse ausgegeben. Wernéry und Holland hatten daraufhin in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1984 die kostenpflichte Seite des CCC über den Zugang der Sparkasse aufrufen lassen. Dazu nutzen sie ein selbstgeschriebenes Programm, das die Seite immer wieder neu anwählte. So kamen in einer Nacht 135.000 DM zusammen, die dem Konto des CCC gutgeschrieben wurden. Wernéry und Holland wandten sich damit an die Medien. Da es ihnen bei dieser Aktion darum ging, Sicherheitslücken bei BTX aufzuzeigen, gab der Club das Geld zurück.

„Die Wau Holland Stiftung – in Kooperation mit dem Chaos Computer Club – möchte deshalb an diese zweite Geburtsstunde des CCC erinnern und veranstaltet am 17.11.2014 ab 18 Uhr im Berliner Congress-Centrum am Alexanderplatz u.a. eine Podiumsdiskussion mit Beteiligten und Zeitzeugen, die über die damaligen Vorgänge und ihren Bezug und ihre Bedeutung zur Gegenwart diskutieren. Der Eintritt ist frei.

Bildquelle: Bundesarchiv Plak 007-023-062

Statue im Park Sanssouci

Frank Bösch im TAZ-Interview: „Big Data erfordert andere Fragen“.

Im Digitale Zeitalter fallen eine riesige Menge unterschiedlicher Daten in kürzester Zeit an. Produziert werden sie von den verschiedensten Akteuren, von Unternehmen über Wissenschaftler bis hin zu den Maschinen selbst. Welche Auswirkungen hat „Big Data“, wie das Phänomen auch genannt wird, für den quellensuchenden Historiker in der Post-Snowden Ära? Unser Projektleiter Prof. Dr. Frank Bösch gab dazu in TAZ ein Interview mit dem Titel: „Big Data erfordert andere Fragen“ (als PDF abrufbar). Sein klares Statement:

Die Rückkehr zur Schriftlichkeit mit der Verbreitung der digitalen Kommunikation, E-Mails etc. bedeutet für die Geschichtswissenschaft zunächst einmal eine Verbesserung, weil viel von der mündlichen Kommunikation […] verschriftlicht wird. [Der neue] Selbstdarstellungsdrang, der immens viel Gedrucktes produziert […] erfordert andere Fragestellungen, nicht mehr alles Überlieferte zu lesen, Arbeiten mit Stichworten und digitalen Suchstrategien, um Begriffe und Themen rauszusieben.

Das Interview ist auch online unter dem Titel „Historiker über Archive und Überwachung„.

Bildrechte: © Martin Schmitt

Überwachungskamera aus Mamor

Überwachung und Kontrolle im Theater

Eine ganz neue Herangehensweise an das Thema staatlicher Überwachung und Kontrolle bietet das Theaterexperiment „yoUturn“, das diese Woche (16.-19.10.2014) in Berlin stattfindet. Darin lässt die Regisseurin in Kooperation mit den Reportern ohne Grenzen die Theaterbesucher auf einer Jagd durch Berlin am eigenen Leib mit den Mitteln des Theaters spüren, was staatliche Überwachung für den einzelnen Menschen bedeutet hat. Es sind Fragen die in engem Zusammenhang zu unserem Projekt Staatlichen Überwachung in der BRD und der DDR in Bezug auf den Computereinsatz stehen, mit der sich die Regisseurin hier auseinandersetzt:

„Wie wirkt sich die Erfahrung, überwacht zu werden, auf den einzelnen Menschen aus? Wie schützt der Einzelne seine Privatsphäre? An welchen Punkten sind wir selbst längst Teil der Kontrollgesellschaft? Welcher Methoden bedienen sich die unterschiedlichen Überwachungsorgane?“

Mehr Informationen zum Theaterstück gibt es auf der Seite der Reporter ohne Grenzen. Die Sendung Breitband vom Deutschlandradio Kultur hat sich in einem langen Beitrag („Verfolgt auf Schritt und Tritt“) mit dem Stück beschäftigt und bietet einen spannenden Eindruck von dessen Ablauf.

von Martin Schmitt.
Bildrechte: © Martin Schmitt