DIE DIGITALISIERUNG DER KREDITWIRTSCHAFT.

Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie in den Sparkassen der BRD und DDR. 1975 – 1995.

Projektbearbeiter: Martin Schmitt M.A.

Der digitale Wandel ist eine der zentralen Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Auswirkungen der massenhaften Einführung und Vernetzung binärdigitaler Computer schlugen sich in allen Bereichen der Gesellschaft umfassend nieder. Ziel meines Dissertationsprojektes ist es, für einen ausgewählten und abgegrenzten Bereich diese Auswirkungen und die Wechselwirkungen mit der Technologieentwicklung eingehend zu untersuchen: In der Digitalisierung der Kreditwirtschaft.

In der Kreditwirtschaft ging es seit deren Entstehung darum, Daten zu sammeln, zu verarbeiten und aufzubereiten. Mit der Einführung des Computers seit den 1960er-Jahren und vor allem mit dessen umfassender Vernetzung seit Mitte der 1970er-Jahre erfuhr der Sektor allerdings nochmals einen kräftigen Schub. Banken in Ost- wie Westdeutschland waren Vorreiter der Computerisierung und Vernetzung und bildeten einen Motor rapider Beschleunigung in der computerbasierten Bearbeitung von Transaktionen und Buchungsvorgängen. Gleichzeitig stellten sie einen Katalysator des Informationszeitalters dar, in dem sie die Technologie zu den Menschen und in die Betriebe brachten.

Das zentrale Erkenntnisinteresse meiner Arbeit ist daher die Frage, inwieweit die fortschreitende Computerisierung in der Zeit „nach dem Boom“ ab etwa 1975 in den Sparkassen der BRD und der DDR zu einer gesamtgesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Veränderung führte.  Vier Schwerpunkte lassen sich dabei herausarbeiten, die signifikant für den Untersuchungszeitraum sind: Erstens die steigende Bedeutung von Software gegenüber der Hardware. Mit der massenhaften Verbreitung kompatibler Kleincomputer rückte die Hardware immer weiter in den Hintergrund, während in der Software die tatsächliche Funktionslogik systemübergreifend realisiert wurde. Zweitens die immer stärkere Vernetzung der Computer untereinander über den Raum hinweg. Die Banken begannen, sich mittels übergreifender Transaktionsnetze für den bargeldlosen Zahlungsverkehr zusammenzuschließen und setzten dafür die  neu entwickelten Netzwerktechnologien ein. Drittens eine rasante Beschleunigung nicht nur der Mikroprozessoren, sondern des Taktes von Wirtschaft und Gesellschaft bei zunehmenden Wettbewerbsdruck. Viertens die Flexibilisierung und Rationalisierung von Arbeitsprozessen, Produktpaletten, Organisationsabläufen wie auch Alltagshandlungen. Vor allem die Sparkassen mit ihrem weitverzweigten Filialnetz eignen sich hervorragend, um die wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang der Computerisierung zu beleuchten.

In allen vier Bereichen ist jeweils die Wechselwirkung zwischen den Ansprüchen und den Interessen der Akteure wie Banken, Computer und Softwareschmieden oder den Kunden mit der Technologie herauszuarbeiten: Inwieweit setzten die Banken in Ost und West die Informations- und Kommunikationstechnologie dazu ein, ihre plan- wie marktwirtschaftlichen Ziele zu erreichen? Übten sie einen Standardisierungs- und Zuverlässigkeitsdruck auf die Computerbranche aus oder waren sie Getriebene des technologischen Wandels? Welche Auswirkungen hatte der IKT-Einsatz in Sparkassen für den in Deutschland ökonomisch so wichtigen Mittelstand? Methodisch soll zur Beantwortung der Fragestellung eine gesellschaftshistorische mit einer wirtschaftshistorischen Perspektive unter konsequenter Berücksichtigung technologischer Entwicklungen verbunden werden, die jenseits einer bloßen Gegenüberstellung von Gesellschaft und Technik liegt, sondern beides stringent zusammendenkt. Der Antagonismus von Sozialkonstruktivismus und Technikdeterminismus, der selbst in interaktionistischen Ansätzen fortbesteht, soll überwunden werden. Eine Handhabe bietet hierfür vor allem Bruno Latour mit dessen Akteur-Netzwerktheorie und dem Konzept des Aktanten „defined as an exchange of human and non-human properties“ (Latour 1992), aber auch neuere Ansätze aus den Science and Technology Studies.

Erst das Verständnis unserer jüngsten Vergangenheit macht es uns in Zeiten ubiquitärer Informations- und Kommunikationstechnologie möglich zu bestimmen, wo wir heute stehen: Wirtschaftlich, gesellschaftlich und technologisch.

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