Digitalgeschichte Mittel-/Osteuropas

Digitalgeschichte ist nicht universal, sondern immer lokal gekoppelt. Dieser technikhistorische Grundsatz zeigte sich auf faszinierender Weise auf der diesjährigen Konferenz der IFIP Working Group 9.7 „History of Computing“. Als Teil des World Computer Congress in Poznan stellte die Gruppe inspiriert vom polnischen Konferenzort die Digitalgeschichte Mittel-/Osteuropas in den Mittelpunkt. Die Vorträge boten damit eine Horizonterweiterung über das US-amerikanische Meisternarrativ hinaus, das in den letzten Jahren immer wieder kritisch hinterfragt wurde. Sie basierten in weiten Teilen auf bisher unbekanntem Material oder Informationen.

Zum 24. mal organisierte die International Vereinigung der Informatiker IFIP ihren Weltkongress. Dieses Jahr entschieden sich die Macher für das historisch relevante Thema „This changed everything“. Die Arbeitsgruppe 9.7 ordnete ihre Tagung in dieses Motto ein und fragte nach Veränderungen und Kontinuitäten im ehemaligen Ostblock. Dabei war nicht nur das Gastgeberland gut vertreten: Neben Digitalhistorikern aus Polen erschienen Zeitzeugen, Museumsleiter und Historiker aus Ungarn, der Tschechoslowakei, Armenien, Lettland, Deutschland USA und der Sowjetunion. Sie gaben einmalige Einblicke in die Computerisierung mittel-osteuropäischer Länder. In ihrer Gesamtheit erlaubten sie so einen faszinierenden Rundblick. Thematisch reichten die Beiträge von der frühen Disziplinbildung der Informatik in Ungarn und der Tschechoslowakei, über erste Computerentwicklung, dem Wissenstransfer durch den Eisernen Vorhang wie innerhalb des RGW bis zu Fragen von Personal Computern in den 1980er-Jahren. Das abschließende Panel adressierte schließlich die Frage, wie sich in der Gegenwart Computergeschichte ins Museum bringen lässt.

Vladimir Kitov presenting at WG 9.7 conference „History of Computing in Eastern Europe“

Ein Highlight unter vielen war der sowjetische Informatiker und Leiter des ehemaligen Rechenzentrums von Gosplan, Vladimir A. Kitov. Er bot die Einblicke in den Stand sowjetischer Computeranwendung jenseits theoretischer Konzepte, die auf anderen Wegen bisher nur schwer zu erlangen waren. Schon als Person stellt er eine faszinierende Verbindung führender Computerforschung in der Sowjetunion dar: Er ist Sohn des bekannten sowjetischen Kybernetiker Kitovs und verheiratet mit der Tochter des großen sowjetischen Informatikers Viktor Gluschkow. Auch durch seine Arbeit für Monolith in den 1980er-Jahren, einem geheimen Forschungsinstitut des Sowjetischen Militärs, war er in der Lage, wissenschaftlich wertvolle Informationen über in den Stand der Computertechnik in der Sowjetunion zu präsentieren. Das gesamte Programm der Tagung kann hier abgerufen werden. Der Sammelband mit den überarbeiteten und erneut begutachteten Papern erscheint Ende diesen/ Anfang nächsten Jahres bei Springer.

 

Am letzten Konferenztag stand ein besonderes Ereignis auf dem Plan: Ein live Re-Enactment der Entschlüsselung einer Enigma-Nachricht in Bletchley Park mit Hilfe eines Nachbaus der „Bomba“, einem frühen, von Alan Turing mitentwickelten Elektronenrechner. Der Nachbau arbeitete zuverlässig und die Nachricht konnte entschlüsselt werden. Begleitet wurde der Vorgang von Vorträgen des Turing-Neffen Dermont Touring und Marek Grajek, dem Leiter des geplanten Enigma-Museums in Posen. Der ganze Vorgang wie auch die Vorträge wurde aufgezeichnet und kann auf der Webseite „Enigma live“ der IFIP nachgesehen werden.

Blick in das Rechenzentrum der TU Poznan

Abschließend lud der Leiter des Supercomputerzentrums der Universität Polen die Konferenzteilnehmer zu einer Besichtigung des Computerzentrums ein. Das 1993 gegründete Zentrum löste die eigene IT-Infrastruktur der Universität ab und versorgt seitdem Forschungsinstitute, lokale Verwaltung aber auch Bürger und kleine Unternehmen mit Rechenleistung. Es ist dabei auffällig, wie hochgradig standardisiert IT-Infrastruktur im 21. Jahrhundert geworden ist. Rechenzentren in Lugano, München oder Poznań gleichen sich fast vollständig in Architektur, Konzept und Aussehen, selbst wenn sich ihre technischen Leistungsdaten teilweise unterscheiden mögen. Die geschlossenen, klimatisierten, sirrenden Räume des Digitalen Zeitalters finden sich in allen großen Städten überall in der Welt. Es ist ihre Nutzung im kulturellen Kontext wie auch die Adaption durch Software, die sie unterscheidet.

 

Text: Martin Schmitt

Fotos: Martin Schmitt, CC BY 4.0

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