{"id":765,"date":"2017-04-20T14:09:49","date_gmt":"2017-04-20T12:09:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.computerisierung.com\/?p=765"},"modified":"2017-06-29T16:37:40","modified_gmt":"2017-06-29T14:37:40","slug":"workshopbericht-computersubkulturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.computerisierung.com\/?p=765","title":{"rendered":"Workshopbericht &#8222;Computersubkulturen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Am 24. und 25. M\u00e4rz kamen internationale Forscher in Z\u00fcrich zusammen, um die subkulturelle Computernutzung vor dem Internetzeitalter zu historisieren. Die Forschung zur Computergeschichte hatte lange Zeit einen Schwerpunkt auf die Entwicklung der Maschinen gelegt. Die Arbeiten konzentrierten sich zumeist auf die USA, sowie Mittel- und Westeuropa. Bei diesem Workshop zeigte sich, dass diese Zentren aufgebrochen werden und die Forschung zunehmend Nord-, Ost- und S\u00fcdeuropa behandelt. Mittlerweile finden sich auch zahlreiche Arbeiten, die sich mit der Anwendung der Computer in Firmen und Institutionen befassen. Der Fokus r\u00fcckt damit n\u00e4her an eine Alltagsgeschichte heran, in der die kulturellen und sozialen Einfl\u00fcsse der neuen Technologie herausgearbeitet werden. Die Computersubkulturen wurden dabei lange marginalisiert, wie Spieler oder Cracker, w\u00e4hrend bei Hackern immer noch Mythen dominieren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vor diesen Mythen mahnte J\u00fcrgen Danyel vom Zentrum f\u00fcr Zeithistorische Forschung in der Keynote. Man d\u00fcrfe der eigenen Geschichtsschreibung dieser Szenen und Bewegungen nicht aufsitzen und m\u00fcsse stets den historischen Kontext einzubeziehen. Lange Zeit waren es Angeh\u00f6rige dieser Gruppen selbst, die die Geschichte von Crackern, Hackern und der Demoszene erfassten. Und auch wenn unter den jungen Forschern dieses Feldes selbst Akteure und Zeitzeugen der 70er, 80er und 90er Jahre vertreten sind, so hat sich die Forschung zu den Computerszenen doch zu einem wissenschaftlichen Feld entwickelt.<\/p>\n<p>Mathias R\u00f6hr von der Forschungsstelle f\u00fcr Zeitgeschichte aus Hamburg zum Beispiel behandelte unter anderem die Frage, warum die Mailbox-Nutzung in der Bundesrepublik und in den USA unterschiedlich verlief. Das Monopol der Deutschen Bundespost war dabei nicht alleine entscheidend, denn auch die US-amerikanischen Firma AT&amp;T hatte eine Art Monopol inne. Auch die Stellung der Post innerhalb der Ministerien hatte einen wichtigen Einfluss, denn sie wurde nicht aus Steuergeldern finanziert. Die Post musste sich selbst finanzieren, also durch Einnahmen aus eigenen Produkten und Angeboten, und hiermit dem Auftrag nachkommen, die Telefonversorgung der Bundesrepublik auszubauen. Dies f\u00fchrte zu hohen Preisen bei den Modems, die man ben\u00f6tigte, um mit dem Computer online zu gehen, w\u00e4hrend man in den USA das Modem frei w\u00e4hlen konnte und somit g\u00fcnstigere Modelle nutzen konnte. Dies f\u00fchrte zu zahlreichen Spannungen mit der Mailbox-Szene, aber auch Kritik aus der Wirtschaft, die diese Beschr\u00e4nkungen stets anprangerten.<br \/>\nIn zahlreichen Vortr\u00e4gen konnte man nachvollziehen, wie vor allem die subkulturelle Nutzung von Computern deren Einzug in den Alltag beg\u00fcnstigte. Oder gar erm\u00f6glichte. Theodore Lekkas untersuchte dies am Beispiel Griechenlands, wo in den 1980ern durch Computer-Enthusiasten ein eigenes Computermodell entwickelt wurde. So wurde national ein eigener Markt erschlossen, der von Industrie-Riesen wie IBM nicht bedient wurde. Ulf Sandqvist stellte dar, wie schwedische Demoszener in die Wirtschaft eintraten und sich in die wachsende Branche der Spiele-Industrie einbrachten und dann wiederum scheiterten. Nicht nur in dem hier untersuchten Fall wurde die Frage nach den \u201efehlenden Frauen\u201c in den Computerszenen und \u2013industrien verhandelt. Richtige Antworten lieferte der Workshop auf die Frage jedoch kaum. Nur die Abwesenheit oder Unterrepr\u00e4sentation von M\u00e4dchen und Frauen wurde erw\u00e4hnt und mit der frauenunfreundlichen Atmosph\u00e4re bei diesen Subkulturen erkl\u00e4rt. Das hohe Ma\u00df an Selbstdarstellung, sowie der hiermit einhergehende Konkurrenzkampf machten die Computernutzung in diesen Szenen f\u00fcr das weibliche Geschlecht unattraktiv. Wie Frauen jedoch den Computer nutzten, ob man Unterschiede zu den m\u00e4nnlichen Nutzern ausmachen kann, welche Rolle die Ausbildungsm\u00f6glichkeiten, aber auch die Vermarktung der Computertechnologie spielten, wurde jedoch nur angedeutet. Ein Bereich, dem die Forschung deutlich mehr Raum geben sollte.<\/p>\n<p>Angeregt wurde auch verst\u00e4rkt vergleichende Perspektiven einzubeziehen. Und dies nicht nur auf einer zeitlichen Ebene, indem beispielsweise von der Zeitgeschichte weggehend auch Entwicklungen des 19. Jahrhundert ber\u00fccksichtigt werden, sondern auch auf einer r\u00e4umlichen. Gleb Alberts Pr\u00e4sentation etwa bezog eine globale Komponente bei seiner Untersuchung zu der \u00d6konomie der Cracker mit ein und warf auch Blicke auf die T\u00fcrkei oder Brasilien, die erst nach den Cracker-Zentren in Nord- und Mitteleuropa in die Software Piraterie einstiegen.<br \/>\nZweifelsohne befindet sich die Forschung zur Computergeschichte in Bewegung: von einer Geschichte des Objekts hin zu einer Alltagsgeschichte der Computernutzung. Die Forschungsarbeiten werden zahlreicher und die Archivierung von Materialien schreitet voran \u2013 dies haben unter anderem Markku Reunnanen und Canan Hastik in ihren Vortr\u00e4gen gezeigt. Die wertvollen Erkenntnisse, sowie die spannenden Fallstudien sollen alsbald publiziert werden. Gemeinsam mit den Vorhaben einen Anschluss-Workshop zu gestalten und online \u00fcber die Forschung zu informieren, soll dieser Workshop als Auftakt einer internationalen Forschung zu den historischen Subkulturen der Computernutzung dienen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/aus-kultur-und-sozialwissenschaften.1147.de.html\">Hier<\/a> geht es zum Interview mit dem Mitveranstalter Dr. Gleb Albert von der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und <a href=\"http:\/\/www.infoclio.ch\/de\/home-computer-subcultures-and-society-internet-age-0#1\">hier<\/a> zu einem Workshopbericht auf Englisch von Ksenia Tatarchenko.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 24. und 25. M\u00e4rz kamen internationale Forscher in Z\u00fcrich zusammen, um die subkulturelle Computernutzung vor dem Internetzeitalter zu historisieren. Die Forschung zur Computergeschichte hatte lange Zeit einen Schwerpunkt auf die Entwicklung der Maschinen gelegt. 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