{"id":615,"date":"2016-06-13T14:56:40","date_gmt":"2016-06-13T12:56:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.computerisierung.com\/?p=615"},"modified":"2016-06-14T13:31:58","modified_gmt":"2016-06-14T11:31:58","slug":"die-zukunft-der-digitalgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.computerisierung.com\/?p=615","title":{"rendered":"Die Zukunft der Digitalgeschichte"},"content":{"rendered":"<div><b>Wohin entwickelt sich die history of computing? Und welche Rolle spielt dabei die Anfangszeit des Digitalen Zeitalters? Diese Frage stand im Zentrum eines <a href=\"http:\/\/www.tomandmaria.com\/Tom\/workshop16\">kleinen Workshops<\/a> in Siegen am vergangenen Wochenende (10.-12. Juni 2016). Organisiert von Thomas Haigh kamen hier Historiker\/innen,\u00a0Medienwissenschaftler\/innen und Informatiker\/innen aus ganz Europa zusammen, um \u00fcber &#8222;Beyond ENIAC. Early Digital Platforms and Practices&#8220;\u00a0zu diskutieren.\u00a0<\/b><\/div>\n<div><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div>Der Medienwissenschaft der Universit\u00e4t Siegen gelang es zuletzt, einen umfangreichen Sonderforschungsbereich \u201e<a href=\"https:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/medienwissenschaft\/forschung\/mdk\/\">Medien der Kooperation<\/a>\u201c bei der \u00a0DFG einzuwerben. Im Rahmen dessen konnte <a href=\"http:\/\/www.tomandmaria.com\/Tom\">Thomas Haigh<\/a>, Wirtschaftshistoriker und einer der prominentesten Figuren der history of computing,\u00a0als Comenius-Gastprofessor gewonnen werden,\u00a0der\u00a0diesen Workshop organisierte. In seinem Auftaktstatement stellte er die Frage, wo genau die Digitalgeschichte (\u201ehistory of computing\u201c) zu verorten sei und welche Zukunft f\u00fcr sie\u00a0anzustreben sei. Digitalgeschichte sei dabei nicht zerrissen zwischen Medienwissenschaft, Technikgeschichte und Informatik, sondern vielmehr ein\u00a0Bindeglied zwischen diesen Disziplinen. Mit ihr werde es m\u00f6glich, Wissenschaftler der einzelnen Fachrichtungen miteinander sprechen zu lassen &#8211; wof\u00fcr der Workshop der beste Beweis war. Von den fr\u00fchen Computerprojekten wie ENIAC und Colossus \u00fcber die Identit\u00e4tsbildung der Programmierer in Europa oder der Sowjetunion bis hin zum Einfluss der minimalistischen Logik auf die Architektur fr\u00fcher Maschinen reichte das Themenspektrum, das dem <a href=\"http:\/\/www.tomandmaria.com\/Tom\/workshop16\">Programm des Workshops<\/a> zu entnehmen ist. An dieser Stelle sollen nur drei Vortr\u00e4ge heraus gegriffen werden, die aus der Perspektive des Computerisierungs-Projektes mit Schwerpunkt auf der gesellschaftlichen\u00a0Nutzung und den Ver\u00e4nderung der\u00a0Computertechnologie als besonders interessant eingesch\u00e4tzt werden.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<div id=\"attachment_617\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.computerisierung.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Datei-13.06.16-14-44-31.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-617\" class=\"size-medium wp-image-617\" src=\"http:\/\/www.computerisierung.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Datei-13.06.16-14-44-31-225x300.png\" alt=\"Mark Priestly zeigt den &quot;Master Progammer&quot; im ENIAC\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.computerisierung.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Datei-13.06.16-14-44-31-225x300.png 225w, https:\/\/www.computerisierung.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Datei-13.06.16-14-44-31-768x1024.png 768w, https:\/\/www.computerisierung.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Datei-13.06.16-14-44-31.png 1311w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-617\" class=\"wp-caption-text\">Mark Priestly zeigt den &#8222;Master Progammer&#8220; im ENIAC auf dem Workshop Early Digital in Siegen. (Martin Schmitt)<\/p><\/div>\n<p>Selbst wenn der Workshop relativ offen zum Thema #earlydigital ausgeschrieben wurde, so waren doch deutliche Interessenschwerpunkte der anwesenden Wissenschaftler erkennbar. Einer dieser Schwerpunkte war die Frage nach den fr\u00fchen Arbeitern und Nutzern, welche die Computer bauten und einsetzten. Wie wurden sie ausgebildet, was f\u00fcr ein Selbstverst\u00e4ndnis bildeten sie aus? <strong>Thomas Haigh und Mark Priestley<\/strong> machten dazu einen Aufschlag, indem sie\u00a0angelehnt an ihr neustes <a href=\"https:\/\/mitpress.mit.edu\/ENIAC\">Buch<\/a> zur <a href=\"http:\/\/eniacinaction.com\">Geschichte des ENIAC<\/a> nach dessen &#8222;Lost Labors&#8220; fragten. Der ENIAC, entwickelt und gebaut von 1942 &#8211; 1946 in den USA, war einer der ersten speicher-programmierten Rechner und entscheidend f\u00fcr die weitere Computerentwicklung. Haigh und Priestly zeigten gest\u00fctzt auf Archivmaterial auf, wie nicht nur <a href=\"http:\/\/eniacprogrammers.org\">die ber\u00fchmten &#8222;sechs Frauen&#8220;<\/a> des ENIAC diesen programmierten, sondern auch eine beachtliche Zahl derjenigen Ingenieure Frauen waren, die ihn zusammensetzten und aufbauten. Oder anders gesagt: Es reiche nicht, die bisherige Computergeschichte von den gro\u00dfen M\u00e4nnern und ihren Maschinen um einige wenige gro\u00dfe Frauen zu erg\u00e4nzen. Viel entscheidender ist es aufzuzeigen, wie Frauen von Beginn an gleicherma\u00dfen in Aufbau und Nutzung der Computer integriert waren und somit ma\u00dfgeblich zu Computerisierung der Gesellschaft beitrugen. So stellt sich die Frage, wie ein Computer und seine Entstehung \u00fcber die Zeit erinnert wird &#8211; und wann. Beispielsweise erinnerten die Zeitgenossen den\u00a0ENIAC in den 1960er-Jahren haupts\u00e4chlich als gro\u00df und klobig. Gleichzeitig feierten sp\u00e4tere Historiker ihn haupts\u00e4chlich\u00a0als Meilenstein auf dem Weg zum modernen Computer, vernachl\u00e4ssigten dabei aber, wie der Computer zum Einsatz kam. \u00a0Er wurde als Konzept erinnert, nicht als arbeitende Maschine. Die Software des ENIAC wurde vergessen, obwohl der Computer selbst ber\u00fchmt wurde. Ganz entscheidend zu seiner Ber\u00fchmtheit trug eine organisierte \u00d6ffentlichkeitsarbeit bei. So wurden Journalisten bereits zwei Wochen vor der eigentlichen, feierlichen Inbetriebnahme in die Computerr\u00e4ume eingeladen. Nur so schaffte es der ENIAC 1946 auf das <a href=\"http:\/\/www.computerhistory.org\/revolution\/birth-of-the-computer\/4\/78\/323\">Titelcover der New York Times<\/a>.\u00a0Die Bedeutung \u00f6ffentlicher Ereignisse und Publizit\u00e4t zeigte sich auch in anderen Computerprojekten. Der britische Colossus Computer war lange Zeit der Geheimhaltung unterlegen und daher wenig erinnert. Aber auch in Deutschland l\u00e4sst sich das Ph\u00e4nomen betrachten, wie historische Faktizit\u00e4t durch Gro\u00dfveranstaltungen zu schaffen versucht wird, wenn <a href=\"http:\/\/www.computerisierung.com\/?p=581\">in Berlin k\u00fcrzlich der Zuse Z3<\/a> v\u00f6llig unhinterfragt zum ersten Computer ausgerufen wurde.<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Eine vergleichbare Fragestellung trieb dabei <strong>Ksenia Tatarchenko<\/strong> um, die an der Universit\u00e4t Genf Sowjetische Geschichte lehrt.\u00a0Wie konnte sich in einem Berufsfeld\u00a0der Programmier\/innen, das in der Sowjetunion von Frauen gepr\u00e4gt\u00a0war, ein dominantes m\u00e4nnliches Rollenbild durchsetzen? An Hand der Programmierergruppe um den Informatiker\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Andrey_Ershov\">Andrej Petrowitsch\u00a0<\/a><span style=\"color: #0000ee;\"><u>Erschow<\/u><\/span>\u00a0\u00a0und seinen Kontakten mit westlichen Wissenschaftler zeigte sie die offene Welt des Kalten Krieges in Zeiten <a href=\"https:\/\/mitpress.mit.edu\/books\/closed-world\">geschlossener Welten<\/a>. Gerade in den Westkontakten, so Tatarchenko, reproduzierte sich das m\u00e4nnliche dominierte Bild des Programmierers. Sie verst\u00e4rkten das durch Erschow als Gruppenleiter gepr\u00e4gte m\u00e4nnliche Rollenverst\u00e4ndis in Sowjetunion ab dem Moment, ab dem der Beruf des Programmierers auch f\u00fcr die m\u00e4nnliche Arbeiterschaft zu einer lukrativen Position wurde und Vorbilder suchten. Abschlie\u00dfend ist festzuhalten, dass\u00a0an den Ausf\u00fchrungen Tatarchenkos ein sozialistischer Weg in das Informationszeitalter sichtbar wird, der keine Alternativgeschichte darstellt, sondern eine stark mit westlichen Entwicklungen verzweigt war. Dies ist eine Erkenntnis, die sich auch in den Projekten unserer Projektgruppe widerspiegeln.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p>Die Ergebnisse der Programmierer\/innen war Software. Die ganz verschiedenen Arten der Software, die dabei geschaffen wurden, durchzogen auch den Workshop in Siegen. So begann der Samstagmorgen mit einer Roundtable-Diskussion \u00fcber die Urspr\u00fcnge der Betriebssysteme. <strong>Maarten Bullynck<\/strong> von der Universit\u00e4t Paris stellte einige einleitende Fragen: Was ist \u00fcberhaupt ein Betriebssystem? Es g\u00e4be zahlreiche Kandidaten, die in diesen Kreis gez\u00e4hlt werden k\u00f6nnten wie LINUS, DOS oder OS\/360,\u00a0aber was qualifiziert diese Systeme eigentlich als Betriebssysteme? Welche Teile davon sind noch Betriebssystem, welche bereits Applikation? So stellt er fest, dass der Begriff unsch\u00e4rfer ist, als es die meisten Wissenschaftler annehmen. Vor allem in Bezug auf die Anfangsjahre des Digitalen Zeitalters. Weiterhin fragt er, was denn fehle in der Geschichte der Betriebssysteme, wie sie bisher geschrieben wurde. Hier fielen ihm besonders der Mangel an Komplexit\u00e4t und das Fehlen des Nutzers auf. Zwar habe jeder Entwickler immer einen antizipierten Nutzer im Kopf. Gerade die Nutzung in einer Ko-Konstruktion der Technologie sei aber entscheidend f\u00fcr die Entstehung der Betriebssysteme in ihrer heutigen Form gewesen. Jenseits der Forschungen zu Xerox Park fehlte es hier noch an historischen Analysen. Der Niederl\u00e4nder Historiker\u00a0<strong>Gerard Alberts<\/strong> hob hervor, dass ein Betriebssystem haupts\u00e4chlich das automatisiere, was zuvor Menschen getan h\u00e4tten, genauer gesagt \u00a0die Operatoren. Das Betriebssystem \u00fcbernehme die Hausarbeiten der Systeme und entlaste den Nutzer von wiederkehrenden, grundlegenden Routineaufgaben. Angelehnt an Maarten Bullynck wies er auf die niederl\u00e4ndische Verwendung des Wortes &#8222;Komplex&#8220; hin, die f\u00fcr das Betriebssystem benutzt wurde. Betriebssysteme seien ein &#8222;Meta-&#8220; oder &#8222;Super-&#8222;Programme, aber er ziehen den Begriff Komplex vor, da er auf die unterschiedlichen Elemente hinweist, die sich im Betriebssystem vereinigen. Auch <strong>Pierre Monier-Kuhn<\/strong>, Digitalhistoriker Frankreichs\u00a0seit \u00fcber 20 Jahren, wies auf die Unterschiedlichen Begriffe hin, die in den 1960er-Jahren in Frankreich mit dem heute ubiquit\u00e4ren &#8222;Operating System&#8220; konkurrierten:\u00a0monitor, supervisor, software de base. Auch in Deutschland, , so ist hier anzuf\u00fcgen, wurde lange der Begriff &#8222;Basissoftware&#8220; verwendet, beispielsweise in den <a href=\"http:\/\/www.computerisierung.com\/?page_id=23\">Sparkassen der Bundesrepublik und der DDR<\/a> in ihrem Einsatz von Software.<\/p>\n<\/div>\n<div>Im Zentrum der \u00f6ffentlichen Keynote von <strong>Martin Campbell-Kelly<\/strong>, wohl einem der bekanntesten Digitalhistoriker, stand ebenfalls das Thema Software. Anhand fr\u00fcher Programme des EDSAC, einem der drei ersten britischen Computerprojekte, f\u00fchrte er vor, wie auch Historiker Code als Quelle begreifen k\u00f6nnen. In akribischer Kleinarbeit analysierte er die Urspr\u00fcnge der ersten Programme und wie diese den Programmierstil sp\u00e4terer Generationen bestimmten. So lassen sich die\u00a0Notation Maurice Wilkes, eines fr\u00fchen Computeringenieurs, sp\u00e4ter nicht nur in Handb\u00fcchern der IBM wiederfinden, sondern auch in den Publikationen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_von_Neumann\">John von Neumanns<\/a>. Auf einem Emulator lie\u00df er den Code Wilkes ausf\u00fchren und erzielte nach mehreren Durchl\u00e4ufen die urspr\u00fcnglichen Ergebnisse. Dadurch erhielt er Einblick in die Denkwelten und in die Probleme, vor denen Programmier\/innen standen. Eine Quellenkritik des Code wird mit den Methoden Campbell-Kellys erkennbar.<\/div>\n<div>Spannender Weise kam es im Feld des Programmierens, \u00e4hnlich wie in den Sparkassen und Rentenversicherungen in Hinblick auf die Massen-Transaktionen, bereits sehr fr\u00fch\u00a0zu einer Formalisierung in Form von Formularen. Aber auch hier zeigte sich, worauf Thomas Haigh zuvor hingewiesen hatte: Die EDSAC als programmierte Maschine ver\u00e4nderte sich in der Zeit von ihrer Entwicklung bis hin zu ihrem produktiven Betrieb im Dienste der Wissenschaft immer wieder. Sie ist nicht als eine konstante Maschine zu begreifen, sondern als ein sich ver\u00e4ndernder Prozess &#8211; das gilt ebenso f\u00fcr ihre Programme. Die EDSAC war nachfolgend die Vorlage f\u00fcr den sehr erfolgreichen Business-Computer LEO I der Lyons Company. Dort\u00a0waren allerdings\u00a0andere Eigenschaften angesichts der Massendatenverarbeitung gefragt: Repetitive Funktionen, sehr viel mehr Daten, viel weniger Code-Zeilen und es war mehr Speicher notwendig. Das fiel Wilkes auf, als er Anfang der 1950er-Jahre den LEO begutachtete.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Zusammenfassen l\u00e4sst sich der Workshop als eine gelungene Kombination unterschiedlicher Interesse unter dem Stichwort &#8222;Early Digital&#8220; als Fr\u00fchzeit der Computerisierung. In den n\u00e4chsten Jahren sollen weitere Veranstaltungen dazu in Siegen folgen. Durch die st\u00e4rkere Vernetzung\u00a0und durch \u00fcberzeugende Monografien kann es gelingen, die Digitalgeschichte in einem breiteren Umfeld zu etablieren und zu institutionalisieren.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Text: Martin Schmitt<\/div>\n<div>Titelbild:\u00a0ENIAC (Electronic Numerical Integrator And Computer) in Philadelphia, Pennsylvania. Glen Beck (background) and Betty Snyder (foreground) program the ENIAC in building 328 at the Ballistic Research Laboratory (BRL). https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Eniac.jpg, Rechte: public domain<\/div>\n<div>Bild: Martin Schmitt<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohin entwickelt sich die history of computing? Und welche Rolle spielt dabei die Anfangszeit des Digitalen Zeitalters? Diese Frage stand im Zentrum eines kleinen Workshops in Siegen am vergangenen Wochenende (10.-12. Juni 2016). Organisiert von Thomas Haigh kamen hier Historiker\/innen,\u00a0Medienwissenschaftler\/innen und Informatiker\/innen aus ganz Europa zusammen, um \u00fcber &#8222;Beyond ENIAC. 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