{"id":372,"date":"2015-08-18T12:31:16","date_gmt":"2015-08-18T10:31:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.computerisierung.com\/?p=372"},"modified":"2015-08-18T13:55:52","modified_gmt":"2015-08-18T11:55:52","slug":"der-computer-als-gehirn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.computerisierung.com\/?p=372","title":{"rendered":"Der Computer als Gehirn eines Nagetiers"},"content":{"rendered":"<p>Von Anfang an \u00fcbte das Gehirn eine gro\u00dfe Faszination auf die aufstrebenden Computerwissenschaftler aus. Die meisten von ihnen kamen aus der Mathematik und der Nachrichtentechnik, aber auch Psychologen wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_Carl_Robnett_Licklider\">J.C.R. Licklider<\/a> widmeten sich begeistert der neuen Technologie. Die Kybernetik bot ihnen dabei eine gemeinsame Sprache, innerhalb der das Gehirn wie der Computer Systeme waren, die mit den gleichen Mechanismen der Informationstheorie begriffen werden konnten. Die Kybernetiker erster Generation versuchten, vereinfacht gesagt, das Gehirn mit technischen Mitteln nachzubauen, denn System ist System. Ihnen folgten die Kybernetiker zweiter Generation, die sich haupts\u00e4chlich der k\u00fcnstlichen Intelligenz widmeten. Hier war das Ziel nicht mehr, das physische Gehirn nachzubilden, wie der <a href=\"http:\/\/www.theopennotebook.com\/wp-content\/uploads\/2030\/10\/Mitch-Waldrop-Nature.pdf\">Wissenschaftsjournalist Mitchell Waldrop<\/a> in seiner Biografie zu Licklider verdeutlicht. Ziel war es, den Geist (&#8222;mind&#8220;) in Software und Logik zu imitieren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Diese folgenschwere Verkettung, auch Computational Metaphor genannt, zieht sich bis in die heutige Zeit durch. Beispiele daf\u00fcr poppen immer wieder auf, diesmal ist es IBM, die das Gehirn &#8222;fast&#8220; nachgebildet haben. Zumindest das eines kleinen Nagetiers. Die k\u00f6nnen ja auch schon ganz sch\u00f6n clever sein. &#8222;The chips on the inside are designed to behave like neurons\u2014the basic building blocks of biological brains&#8220;, gibt der Chefdesigner des Projekts Dharmendra Modha den staunenden Journalisten der amerikanischen Techszene Magazins WIRED in ihrem neusten Artikel &#8222;<a href=\"http:\/\/www.wired.com\/2015\/08\/ibms-rodent-brain-chip-make-phones-hyper-smart\">IBM\u2019s \u2018Rodent Brain\u2019 Chip Could Make Our Phones Hyper-Smart<\/a>&#8220; zu Protokoll. Modha weiter: &#8222;the system in front of us spans 48 million of these artificial nerve cells, roughly the number of neurons packed into the head of a rodent&#8220;.<\/p>\n<p>Bionische Mimikri nennt man das in der Fachsprache und war lange Zeit das Vorbild f\u00fcr ganze Computeringenieurskohorten mit der immer wieder nachfolgenden Entt\u00e4uschung angesichts der \u00fcberraschenden Komplexit\u00e4t und Kontingenz neurologischer Denkvorg\u00e4nge. Mit an Bord war jederzeit die K\u00fcnstliche Intelligenzforschung mit dem Versprechen, intelligente Software beispielsweise zur Spracherkennung auf cleveren Ger\u00e4ten zu schreiben. So auch bei den Teilnehmern, die einen exklusiven Blick auf das digitale Nagergehirn bekamen: &#8222;Some researchers who got their hands on the chip at an engineering workshop in Colorado the previous month have already fashioned software that can identify images, recognize spoken words, and understand natural language.&#8220; Wenn nun die Chips der IBM den auf neuronalen Netzwerken basierenden Algorithmen der Startupgr\u00fcnder und Wissenschaftler die perfekte Basis bieten, treffen zwei Forschungsans\u00e4tze aufeinander, die beide von der Reproduzierbarkeit des Denkens ausgehen. Oder in den begeisterten Worten Jason Mars, einem Informatikprofessor der University of Michigan:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;These algorithms mimic neural networks in much the same way IBM\u2019s chips do, recreating the neurons and synapses in the brain. One maps well onto the other.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Einzureihen sind solche Versuche mit dem Ansatz des Technikhistorikers Thomas Haigh in die Reihe der utopisch aufgeladenen (oder gut verkauften?) Informationstechnologien, deren praktischer Nutzen unbestreitbar war, die aber die hohen Erwartungen angesichts technischer Begrenztheit niemals einl\u00f6sen konnten. Schon in den 1990er-Jahren scheiterten die Wissenschaftler daran, neuronale Netzwerke auf die Computertechnologie zu mappen und erfuhren dabei ihre Grenzen. Produkte aus dieser Forschungslinie erleichtern und heute in Form von Siri oder Googles Spracherkennung den Alltag. Denken k\u00f6nnen sie noch lange nicht. Das gibt auch Modha letztlich zu. War es urspr\u00fcnglich das Ziel seines DARPA-Forschungsauftrag von 53 Millionen US-Dollar, das Gehirn zu imitieren. Aber ein 1:1-Nachbau sei gar nicht m\u00f6glich, wie auch nicht notwendig, wurde Modha im Laufe des Forschungsprojektes. Er m\u00f6chte dem nur m\u00f6glichst nahe kommen. Letztlich seien es doch die Menschen, welche die Welt ver\u00e4ndern, nicht die Computer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bild: IBM.<br \/>\nText: Der Computer als Gehirn eines Nagetiers von <a href=\"http:\/\/www.computerisierung.com\/?p=372\" rel=\"cc:attributionURL\">Martin Schmitt<\/a> ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Nicht kommerziell &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nc-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/p>\n<p>Quellen:<br \/>\nCade Metz: IBM\u2019s \u2018Rodent Brain\u2019 Chip Could Make Our Phones Hyper-Smart. In: WIRED online, 17.08.2015. URL: http:\/\/www.wired.com\/2015\/08\/ibms-rodent-brain-chip-make-phones-hyper-smart [zuletzt abgerufen am 17.8.2015]<br \/>\nHaigh, Thomas (2007): A Veritable Bucket of Facts\u2039: Urspr\u00fcnge des Datenbankmanagementsystems, in: Gugerli, David et. al. (Hgg.) (2007): Daten (=Nach Feierabend: Z\u00fcrcher Jahrbuch f\u00fcr Wissensgeschichte 3), Z\u00fcrich, S. 57\u201398.<br \/>\nWaldrop, M. Mitchell (2001): The dream machine: J. C. R. Licklider and the revolution that made computing personal, New York.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Anfang an \u00fcbte das Gehirn eine gro\u00dfe Faszination auf die aufstrebenden Computerwissenschaftler aus. Die meisten von ihnen kamen aus der Mathematik und der Nachrichtentechnik, aber auch Psychologen wie J.C.R. Licklider widmeten sich begeistert der neuen Technologie. Die Kybernetik bot ihnen dabei eine gemeinsame Sprache, innerhalb der das Gehirn wie der Computer Systeme waren, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":375,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[102,101,100],"class_list":{"0":"post-372","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","6":"hentry","7":"category-allgemein","8":"tag-computational-metaphor","9":"tag-ibm","10":"tag-kybernetik","12":"post-with-thumbnail","13":"post-with-thumbnail-large"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/372","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=372"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/372\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":389,"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/372\/revisions\/389"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/375"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=372"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=372"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.computerisierung.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=372"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}