{"id":239,"date":"2015-01-20T00:27:53","date_gmt":"2015-01-19T22:27:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.computerisierung.com\/?p=239"},"modified":"2015-01-20T11:12:02","modified_gmt":"2015-01-20T09:12:02","slug":"31c3-4-tage-computer-technik-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.computerisierung.com\/?p=239","title":{"rendered":"31C3 \u2013 4 Tage Computer, Technik, Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Am Abend des 30. Dezember wird mir klar: Das Congress Center Hamburg sieht v\u00f6llig unspektakul\u00e4r aus. Keine bunten Lichtinstallationen, keine selbstgebauten Drohnen, die um das Geb\u00e4ude schwirren, und vor allem nicht die Rakete \u201eFairydust\u201c vorm Eingang: Die Hacker bauen ab. \u201eYou can create beauty on a computer\u201c &#8211; dieses Paradigma der Hacker-Ethik wird angesichts des grauen Kongressbaus noch besser greifbar.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zum 31. Mal fand nach den Weihnachtsfeiertagen 2014 der Chaos Communication Congress statt. \u00dcber 10.000 Teilnehmer konnte der Congress diesmal verzeichnen \u2013 ein neuer Rekord. Man taucht ein wenig in eine andere Welt ein f\u00fcr diese vier Tage. Es gibt immer was Neues zu entdecken, auch wenn alte Traditionen wie z.B. das B\u00e4llebad oder L\u00f6ten beim Project Blinkenlights bleiben. Seit 15 Jahren kann man auch nicht nur Codes, sondern Schl\u00f6sser auf dem Kongress knacken. Sportfreunde der Sperrtechnik hei\u00dft das dann. Auch Buchliebhaber finden sich unter den Techniknerds \u2013 die \u201eDead Tree Lovers\u201c. Und die wollen sogar eine alte Hackerzeitschrift, die Bayrische Hackerpost, wieder aufleben lassen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zukunft, Vergangenheit, Tradition und Innovation sind hier eng verbunden. Das zeigt auch das spontane Reenactment in Zusammenarbeit mit der Wau Holland Stiftung. Zwei Herren auf einem Sofa werden interviewt. Sie spielen einen mitgeschnittenen Dialog nach, der sich zwischen Wau Holland und pengo nach dem Bekanntwerden des KGB-Hacks 1989 abgespielt hatte. Pengo spionierte damals mit Karl Koch, alias Hagbard Celine, f\u00fcr den KGB, was Werte und Ethik der Hacker in Deutschland auf den Pr\u00fcfstand stellte. Eine konstante Diskussion, in wie fern man Auftragshack z.B. f\u00fcr Geheimdienste durchf\u00fchren darf, wie es mit dem Hacken zur eigenen Bereicherung steht und was das verantwortungsvollen Hacken eigentlich bedeutet. Wau Holland hatte hier klar Position bezogen: Zusammenarbeit mit Geheimdiensten geht gar nicht. Sie stehen gegen alles wof\u00fcr Hacker stehen. Wau Holland scheint trotz seines fr\u00fchen Tods im Jahr 2001 noch immer Teil des Kongresses zu sein. Generell scheint es, dass Geschichte und Geist der 80er hier irgendwie noch weiter leben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dabei kann man das Vergangene auch neu kleiden: Eine alte Strickmaschine bei der man die Elektrik ausgetauscht hat und nun \u00fcber eigene Software programmierbar ist; Spielklassiker, die man auf einem \u00fcbergro\u00dfen Gamepad spielt \u2013 per Fu\u00df oder Hand; ein eigenes Rohrpostsystem trotz elektronischer Kommunikationswege. Im Vordergrund bleibt f\u00fcr die meisten Teilnehmer der Spa\u00df und Nutzen der Computertechnologie. Was alles m\u00f6glich ist, was man selber kann, das kann man hier jedes Jahr aufs Neue sehen und zeigen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Vortr\u00e4ge kann man fast alle online streamen, was auch f\u00fcr diejenigen n\u00fctzlich ist, die bei einem gefragten Thema nicht mehr in den Saal gekommen sind. Man kann \u00fcber twitter und IRC Fragen stellen, wenn man nicht physisch anwesend sein kann. Und doch kommen so viele Menschen zum C3. Von wegen unsoziale Nerds: Sich Treffen geh\u00f6rt doch seit 31 Jahren dazu. Diejenigen, die einem Talk im stickigen Saal zuh\u00f6ren, versuchen noch irgendwie reinzukommen, oder gemeinsam an Tischen voller Laptops sitzen, diskutieren und einander Neues zeigen, verdeutlichen eins ganz besonders: Ganz kann man den physischen Kontakt nicht abl\u00f6sen. Es ist eine ganz andere Erfahrung, ob man wirklich dabei ist oder sich das Ganze im Internet ansieht. Klatschen, Gr\u00f6hlen, Kommentare einwerfen, gemeinsames Lachen \u2013 das geh\u00f6rt dazu wie die klirrenden Mate-Flaschen. Oder alleine schon all die Installationen auf sich wirken zu lassen und den Machern dazu Fragen stellen. Den Idolen auch einmal nah zu sein oder durch Standing Ovations seinen Respekt auszudr\u00fccken, das geht an diesen Tagen. Und f\u00fcr jeden ist etwas dabei. Nat\u00fcrlich gibt es viele technische Vortr\u00e4ge \u00fcber Hard- und Software, Verschl\u00fcsselung und Co. Aber auch politische, gesellschaftliche und immer mehr k\u00fcnstlerische Talks finden den Weg in den Fahrplan.<\/p>\n<div id=\"attachment_241\" style=\"width: 340px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.computerisierung.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_0274.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-241\" class=\"  wp-image-241\" src=\"http:\/\/www.computerisierung.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_0274-300x169.jpg\" alt=\"DSC_0274\" width=\"330\" height=\"186\" srcset=\"https:\/\/www.computerisierung.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_0274-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.computerisierung.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_0274-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 330px) 100vw, 330px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-241\" class=\"wp-caption-text\">Die Rakete &#8222;Fairydust&#8220; bei Nacht<\/p><\/div>\n<p align=\"justify\">Getragen wird das das alles von Freiwilligen, die f\u00fcr ein geordnetes Chaos, Sicherheit, Verpflegung und Wohlempfinden sorgen oder die ihr technisches Know-how zur Verf\u00fcgung stellen, damit z.B. Licht, Ton und Netzwerk funktionieren. Hier kann jeder teilnehmen und zeigen was er kann. Hier zeigt sich eine Gemeinschaft. Aber nicht nur eine deutsche Szene von Hackern, K\u00fcnstlern und Aktivisten tummelt sich in und um das Congress-Center; Von \u00fcberall auf der Welt kommen sie hier zwischen den Feiertagen zusammen. Der C3 bleibt eines der wichtigsten Events der Hackerszene.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eA new dawn\u201c lautet das Motto diesmal. Im Sommer 2013 hatten die Snowden-Enth\u00fcllungen die Gemeinschaft etwas sprachlos gemacht. Es gab kein Motto zur 30. Jubil\u00e4ums-Veranstaltung. Denn selbst f\u00fcr diese Experten, die mit einer fl\u00e4chendeckenden \u00dcberwachung gerechnet hatten, waren die Beweise und die Ausma\u00dfe dennoch erschreckend. Aber sofort hie\u00df es, dass es weiter gehen muss. Eine neue Zeitrechnung \u2013 post-Snowden \u2013 die aber alte Werte weiter transportiert. Weiter f\u00fcr freies Internet und freie Informationen einsetzen, dazu beitragen, dass die Menschen vor dem Missbrauch ihrer privaten Daten gesch\u00fctzt werden, dass das Bewusstsein f\u00fcr Risiken und Chancen der Computertechnologie in die weite Welt getragen wird. Und nat\u00fcrlich den Spa\u00df an der Technik nicht verlieren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die einen tragen dazu bei, indem sie Werkzeuge auf technischer Ebene zur Verf\u00fcgung stellen, die anderen, indem sie den Diskurs suchen, indem sie aufdecken und kritische Fragen stellen. So war ein Thema, das den Kongress durchzog, die Frage nach investigativem Journalismus und der Technik. Neben anderen Journalisten, erz\u00e4hlte Laura Poitras, wie ihr Verschl\u00fcsselung geholfen hat, ihre Quellen und ihre Arbeit sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Jake Applebaum, Mitentwickler vom Tor-Project, deckte auf, welche Verschl\u00fcsselungen NSA und Co brechen k\u00f6nnen, und welche wiederum die Geheimdienste vor Probleme stellen und bisher nicht zu knacken sind. Der Congress ist auch immer eine politische Veranstaltung. Irgendwie bleiben die Hacker eine Watchgroup, die den schlimmsten Ahnungen doch noch etwas Hoffnung entgegensetzen k\u00f6nnen. Sie benennen Probleme und zeigen auf, dass mehr m\u00f6glich ist, als man denkt. Seit drei Jahrzehnten bleibt es dabei: Man soll sich der Technik nicht verwehren, sie aber auch nicht blind konsumieren, sondern sie sich aneignen, sie verstehen. Denn es bleibt bei allen Datenschutzproblemen der Aspekt des sch\u00f6pferischen durch die Technik. Diese Ansichten wollen Hacker auch heute noch in die Gesellschaft tragen, beispielsweise durch Angebote f\u00fcr Kinder und Jugendliche (Chaos macht Schule, Jugend hackt). Und dabei schwebt wieder der Geist Wau Hollands \u00fcber allem, der einmal sagte: \u201eWas ist denn das einen Rechner aufzumachen, dagegen die Gesellschaft aufzumachen.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Bildquelle: Poster des 31C3 &#8211; Chaos Computer Club<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Abend des 30. Dezember wird mir klar: Das Congress Center Hamburg sieht v\u00f6llig unspektakul\u00e4r aus. 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