„Manhattan“ der DDR-Rechentechnik – eine Exkursion in das Rechenwerk Halle

Nur wenigen ist dieses Kleinod unter den Computermuseen bekannt, das „Rechenwerk“ in Halle (Saale). In einer kleinen Industriehalle im östlichen Gewerbegebiet haben eine Handvoll Enthusiasten eine Sammlung von DDR-Rechentechnik aufgebaut, die ihresgleichen sucht. Von frühen Buchungsmaschinen aus der Zeit der Weimarer Republik über Heimcomputer in Hobbyproduktion bis hin zu Industrieroboterarmen von Robotron oder dem angeblich zweitschnellsten Großrechner der DDR beeindruckt die Sammlung allein schon durch ihre schiere Masse. Das Tollste dabei: Fast alle Artefakte lassen sich einschalten. Gemeinsam mit der GI-Fachgruppe „Informatik- und Computergeschichte“ unternahmen wir Anfang März eine Exkursion in die ambivalente Computergeschichte der ehemaligen DDR (von Martin Schmitt)

(Halle) Es ertönte ein unverwechselbares hohes Fiepen, als unser Museumsführer Sebastian Czech das Sparkassenterminal K 8924 einschaltete. Der Bildschirm begann grün zu glühen, wie selbstverständlich glommen Buchstabe eines untergegangenen Systems. „Die Banken und Sparkassen setzten ihr eigenes Betriebssystem Sios ein, das sie auf ihren Terminals installierten“ gab Czech zu bedenken, bevor er versuchte, einige Befehle in die Konsole einzutippen. Schon seit einer Weile suchte ich nach einem funktionsfähigen Terminal der Sparkassen der DDR, um zu erfahren, wie vor allem die auf ihm laufenden Programme die alltägliche Bank- und Sparkassen-Arbeit veränderten. Weit kamen wir nicht in den Dialogen, denn bei der derzeitigen Kälte verweigerte so manche alte Maschine ihren Dienst. Das Keyboard funktionierte nicht und so ließ ich die Objektanordnung bestehend aus braunplastikbestückten Diskettenlaufwerken, einem schwarz-weißen Ziffernblock, einem weißumrandete Magnetkartenleser und einem Nadeldrucker auf mich wirken.  Was für ein Unterschied muss es für einen Sparkassenmitarbeiter in der DDR gewesen sein, an diesem kleinen Stück Zukunft zu arbeiten, war er doch eine mechanische Gegenwart gewohnt?

 

Eine Antwort auf diese Frage erlaubte der umfangreiche Fundus des Rechenwerks Halle und sie fällt keineswegs eindeutig aus. Technische Hilfsmittel hatten in der Sparkassenarbeit der DDR Tradition. Die Sammlung verdeutlicht dies gleich zu Beginn, als uns Sebastian Czech durch eine Vielzahl von Buchungsmaschinen aller Klassen führte. Buchungsmaschinen waren anfangs noch so etwas wie schnelle Taschenrechner. In Sparkassen wurden sie eingesetzt, um Rechnungen schnell und fehlerfrei durchzuführen. Die potente Büromaschinenindustrie, welche die DDR noch aus der Weimarer Republik und dem „Dritten Reich“ erbete, formte im ersten Nachkriegsjahrzehnt aus einfachen Rechnern multifunktionale Buchungsmaschinen. „Das ist quasi wie ein Excel-Dokument in mechanischer Form“ führte Czech aus, während sein Finger über eine mechanische Anzeige fährt, die einer Spalte entsprach.

 

Im nächsten Moment hält er das Kernstück der Buchungsmaschinen in der Hand, einen mechanischen Prozessor. Manche Buchungsmaschinen hatte bis zu neun Prozessoren verbaut. Und selbstverständlich steht im Rechenwerk Halle eine solche Buchungsmaschine, der „Buchungsautomat Ascota Klasse 170“. Sie war das Flaggschiff der mechanischen DDR-Rechentechnik. Andächtig nannten sie die Zeitgenossen auch die „Königin der Buchungsmaschinen“. Über 330.000 Stück produzierte der VEB Buchungsmaschinenwerke Karl-Marx-Stadt und exportierte sie in über 100 Länder. Und sie funktioniert noch heute –eine clevere Spiegelkonstruktion erlaubt dem Besucher einen Einblick in die Maschine in Aktion. Ihre technische Genese hingegen wird anschaulich in den zahlreichen weiteren Buchungsmaschinen, die das Rechenwerk Halle ausstellt. Auswahl ist nicht die Stärke der Hobby-Bastler, vielmehr der Erhalt von Rechentechnik im funktionsfähigen Zustand.  Und so zeugt das mechanische Klacken der Zahnräder von einer Zeit, in der die Sparkassenangestellten noch nicht vor Monitoren saßen, sondern Lärm und industriell-mechanische Präzision ihren Arbeitsalltag prägten. Jenseits eines fachwissenschaftlichen Diskurses darüber, dass sich seit den 1970er-Jahren industrielle Produktion nur in andere Teile des Globus verlagerte wird hier spürbar, was der Auslöser dafür war, einen Wechsel in die Postmoderne zu postulieren. Die in Reihe aufgestellten chromglänzenden Peripherien der zahllosen Buchungsmaschinen machen erfahrbar, wie sich eine einfache Datenerfasserin der DDR-Sparkassen gefühlt haben muss, die in den 1960er-Jahren in einem der neu eingerichteten zentralisierten Buchungszentren arbeitete.

 

  • "Problemlösungen" (Foto: Martin Schmitt, CC BY-NC-SA 4.0)

 

Von Computern unterschieden sich die Buchungsmaschinen vor allem durch ihre Programmierung über Steuerbrücken. In diese länglichen Stecksätze konnten „Programmierer“ mit kleinen Metallstiften den Verlauf der Programme bestimmen, indem sie metallene Dreiecke, Vierecke und Rauten in Formation steckten. Frühe Programmierung ist hier räumlich zu erfahren. Die Programmierwerkzeuge waren dabei Spatel und Zange. Sogar gehackt wurde bereits, wenn Programmierer fehlerhafte Bausteine mit Pappe oder Draht künstlich erhöhten und somit nicht nur fehlerhafte Routinen, sondern auch die langwierigen Zugriff des Regimes umgingen. Das Erbe des Analogen im Digitalen, auch das wird in Halle erfahrbar.
Aus der Perspektive unseres Forschungsprojektes tauchte immer wieder Frage auch, wie wurden die technischen Ensembles denn zum Einsatz gebracht? Jenseits einzelner Schilder, die in der Masse des Materials verloren gehen, sind es vor allem die kenntnisreichen Ausführen Czechs, die zwischen technischen Details die Reichweite der Rechentechnik in der DDR veranschaulichen. Von Heimcomputern, die Bastler inklusive Garfield-Sticker selbstständig in Handarbeit zusammenbauten und dabei gerne auf die Ressourcen ihrer Betriebe zurückgriffen, über Steuerungsrechner in Textilindustrie oder in Kraftwerken bis hin zum Ministerium für Staatssicherheit, dessen Technologieeinheit Spieleautomaten für DDR-Jugendheime baute – jeder Bereich der DDR-Wirtschaft hatte direkt oder indirekt mit der EDV Berührung.

Letztlich kann ein Besuch im Rechenwerk Halle nur jedem, der sich für die Geschichte der ehemaligen DDR interessiert, wärmstens ans Herz gelegt werden. Die Orientierungshilfe der ehrenamtlichen Betreiber ist bei einem Besuch aber unerlässlich, um durch die Exponate und die Schichten der Vergangenheit, die sie überdecken, zu bewegen. In den Lagern warten weitere Fundstücke auf ihre Entdeckung – die Mitarbeiter nennen es liebevoll „Manhattan“, weil sich Computer türmen wie Wolkenkratzer.
Weitere Informationen zum Rechenwerk Halle

 

Text: Martin Schmitt, CC BY-NC-SA 4.0
Bilder: Martin Schmitt, mit freundlicher Genehmigung des Rechenwerkes Halle, CC BY-NC-SA 4.0
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