Workshopbericht „Computersubkulturen“

Am 24. und 25. März kamen internationale Forscher in Zürich zusammen, um die subkulturelle Computernutzung vor dem Internetzeitalter zu historisieren. Die Forschung zur Computergeschichte hatte lange Zeit einen Schwerpunkt auf die Entwicklung der Maschinen gelegt. Die Arbeiten konzentrierten sich zumeist auf die USA, sowie Mittel- und Westeuropa. Bei diesem Workshop zeigte sich, dass diese Zentren aufgebrochen werden und die Forschung zunehmend Nord-, Ost- und Südeuropa behandelt. Mittlerweile finden sich auch zahlreiche Arbeiten, die sich mit der Anwendung der Computer in Firmen und Institutionen befassen. Der Fokus rückt damit näher an eine Alltagsgeschichte heran, in der die kulturellen und sozialen Einflüsse der neuen Technologie herausgearbeitet werden. Die Computersubkulturen wurden dabei lange marginalisiert, wie Spieler oder Cracker, während bei Hackern immer noch Mythen dominieren.

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Workshop „Home Computer Subcultures and Society Before the Internet Age“


Mit den Heimcomputern entwickelten sich weltweit Computer-Subkulturen, die auf die Verbreitung, Nutzung und auch Entwicklung von Computertechnologie einwirkten. Am 24. und 25. März findet nun in Zürich ein Workshop zu diesen Subkulturen der Computernutzung statt.

Gleb J. Albert (Universität Zürich), Markku Reunanen (Aalto Universität, Helsinki) und Julia Erdogan (ZZF Potsdam) haben zahlreiche internationale Forscher geladen, sich über die gesellschaftliche Dimension der subkulturellen Computernutzung auszutauschen und Perspektiven und Stand der Forschung aufzuzeigen. Der Workshop liefert einen breiten Blick, sowohl auf die Geschichte in verschiedenen Ländern, als auch auf verschiedene Computerkulturen selbst. Wie entstanden beispielsweise subkulturelle Computergruppen in Griechenland? Welche Rolle spielten Mailboxen in Finnland, Deutschland, den USA oder der Schweiz? Und wie verhielt es sich mit Computerfreaks im Osten Europas?
Das ganze Programm ist bereits bei hsozkult zu finden: http://www.hsozkult.de/event/id/termine-33330?title=home-computer-subcultures-and-society-before-the-internet-age&recno=3&q=&sort=&fq=&total=838

Interessenten können sich bis zum 22. März bei Gleb Albert anmelden: gleb.albert@uzh.ch

Bild: Commodore 64 (Source = Bill Bertram |Date = Created 8 June, 2005 |Author = Bill Bertram |Permission = Cc-by-2.0)

Smart Cities als „Städte der Zukunft“

Energieversorgung, Verkehr, Wohnraum und natürlich auch gesundheitlich Fragen sind immer schon Themen der Städteentwicklung gewesen. Problemlösungen werden mittlerweile ganz selbstverständlich mit Computertechnologie gesucht und gefunden. Smart Cities sind das Ziel – eine effektive Nutzung der städtischen Räume und Ressourcen. Die Vielschichtigkeit der computergesteuerten Städte zeigt der zweite Teil einer Dokumentationsreihe bei ARTE zum Thema „Städten der Zukunft“ auf. Die „smarten“ Städte der Zukunft liegen dabei nicht nur in einer kommenden Zeit, sondern wirken heute schon in vielen Bereichen des urbanen Lebens. Wie sehr lässt sich eine Stadt überhaupt steuern? Wie viel Steuerung darf vorgenommen werden, um die Bewohner nicht zu stark zu lenken und Städte nicht in automatisierte Lebenswelten zu verwandeln?

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Wenn das Chaos seine Zelte aufschlägt

Computer und Zeit in der Natur verbringen passen nicht zusammen? Doch, alle vier Jahre schon, wenn der Chaos Computer Club Hacker beim Campen vereint. Zum fünften Mal fand vom 13. – 17. August 2015 das Chaos Communication Camp statt. Diesmal auf dem Gelände der alten Ziegelei in Mildenberg, das jemand am Ortseingangsschild kurzerhand zu „Neuland“ machte. Continue reading

31C3 – 4 Tage Computer, Technik, Gesellschaft

Am Abend des 30. Dezember wird mir klar: Das Congress Center Hamburg sieht völlig unspektakulär aus. Keine bunten Lichtinstallationen, keine selbstgebauten Drohnen, die um das Gebäude schwirren, und vor allem nicht die Rakete „Fairydust“ vorm Eingang: Die Hacker bauen ab. „You can create beauty on a computer“ – dieses Paradigma der Hacker-Ethik wird angesichts des grauen Kongressbaus noch besser greifbar.

Zum 31. Mal fand nach den Weihnachtsfeiertagen 2014 der Chaos Communication Congress statt. Über 10.000 Teilnehmer konnte der Congress diesmal verzeichnen – ein neuer Rekord. Man taucht ein wenig in eine andere Welt ein für diese vier Tage. Es gibt immer was Neues zu entdecken, auch wenn alte Traditionen wie z.B. das Bällebad oder Löten beim Project Blinkenlights bleiben. Seit 15 Jahren kann man auch nicht nur Codes, sondern Schlösser auf dem Kongress knacken. Sportfreunde der Sperrtechnik heißt das dann. Auch Buchliebhaber finden sich unter den Techniknerds – die „Dead Tree Lovers“. Und die wollen sogar eine alte Hackerzeitschrift, die Bayrische Hackerpost, wieder aufleben lassen.

Zukunft, Vergangenheit, Tradition und Innovation sind hier eng verbunden. Das zeigt auch das spontane Reenactment in Zusammenarbeit mit der Wau Holland Stiftung. Zwei Herren auf einem Sofa werden interviewt. Sie spielen einen mitgeschnittenen Dialog nach, der sich zwischen Wau Holland und pengo nach dem Bekanntwerden des KGB-Hacks 1989 abgespielt hatte. Pengo spionierte damals mit Karl Koch, alias Hagbard Celine, für den KGB, was Werte und Ethik der Hacker in Deutschland auf den Prüfstand stellte. Eine konstante Diskussion, in wie fern man Auftragshack z.B. für Geheimdienste durchführen darf, wie es mit dem Hacken zur eigenen Bereicherung steht und was das verantwortungsvollen Hacken eigentlich bedeutet. Wau Holland hatte hier klar Position bezogen: Zusammenarbeit mit Geheimdiensten geht gar nicht. Sie stehen gegen alles wofür Hacker stehen. Wau Holland scheint trotz seines frühen Tods im Jahr 2001 noch immer Teil des Kongresses zu sein. Generell scheint es, dass Geschichte und Geist der 80er hier irgendwie noch weiter leben.

Dabei kann man das Vergangene auch neu kleiden: Eine alte Strickmaschine bei der man die Elektrik ausgetauscht hat und nun über eigene Software programmierbar ist; Spielklassiker, die man auf einem übergroßen Gamepad spielt – per Fuß oder Hand; ein eigenes Rohrpostsystem trotz elektronischer Kommunikationswege. Im Vordergrund bleibt für die meisten Teilnehmer der Spaß und Nutzen der Computertechnologie. Was alles möglich ist, was man selber kann, das kann man hier jedes Jahr aufs Neue sehen und zeigen.

Die Vorträge kann man fast alle online streamen, was auch für diejenigen nützlich ist, die bei einem gefragten Thema nicht mehr in den Saal gekommen sind. Man kann über twitter und IRC Fragen stellen, wenn man nicht physisch anwesend sein kann. Und doch kommen so viele Menschen zum C3. Von wegen unsoziale Nerds: Sich Treffen gehört doch seit 31 Jahren dazu. Diejenigen, die einem Talk im stickigen Saal zuhören, versuchen noch irgendwie reinzukommen, oder gemeinsam an Tischen voller Laptops sitzen, diskutieren und einander Neues zeigen, verdeutlichen eins ganz besonders: Ganz kann man den physischen Kontakt nicht ablösen. Es ist eine ganz andere Erfahrung, ob man wirklich dabei ist oder sich das Ganze im Internet ansieht. Klatschen, Gröhlen, Kommentare einwerfen, gemeinsames Lachen – das gehört dazu wie die klirrenden Mate-Flaschen. Oder alleine schon all die Installationen auf sich wirken zu lassen und den Machern dazu Fragen stellen. Den Idolen auch einmal nah zu sein oder durch Standing Ovations seinen Respekt auszudrücken, das geht an diesen Tagen. Und für jeden ist etwas dabei. Natürlich gibt es viele technische Vorträge über Hard- und Software, Verschlüsselung und Co. Aber auch politische, gesellschaftliche und immer mehr künstlerische Talks finden den Weg in den Fahrplan.

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Die Rakete „Fairydust“ bei Nacht

Getragen wird das das alles von Freiwilligen, die für ein geordnetes Chaos, Sicherheit, Verpflegung und Wohlempfinden sorgen oder die ihr technisches Know-how zur Verfügung stellen, damit z.B. Licht, Ton und Netzwerk funktionieren. Hier kann jeder teilnehmen und zeigen was er kann. Hier zeigt sich eine Gemeinschaft. Aber nicht nur eine deutsche Szene von Hackern, Künstlern und Aktivisten tummelt sich in und um das Congress-Center; Von überall auf der Welt kommen sie hier zwischen den Feiertagen zusammen. Der C3 bleibt eines der wichtigsten Events der Hackerszene.

„A new dawn“ lautet das Motto diesmal. Im Sommer 2013 hatten die Snowden-Enthüllungen die Gemeinschaft etwas sprachlos gemacht. Es gab kein Motto zur 30. Jubiläums-Veranstaltung. Denn selbst für diese Experten, die mit einer flächendeckenden Überwachung gerechnet hatten, waren die Beweise und die Ausmaße dennoch erschreckend. Aber sofort hieß es, dass es weiter gehen muss. Eine neue Zeitrechnung – post-Snowden – die aber alte Werte weiter transportiert. Weiter für freies Internet und freie Informationen einsetzen, dazu beitragen, dass die Menschen vor dem Missbrauch ihrer privaten Daten geschützt werden, dass das Bewusstsein für Risiken und Chancen der Computertechnologie in die weite Welt getragen wird. Und natürlich den Spaß an der Technik nicht verlieren.

Die einen tragen dazu bei, indem sie Werkzeuge auf technischer Ebene zur Verfügung stellen, die anderen, indem sie den Diskurs suchen, indem sie aufdecken und kritische Fragen stellen. So war ein Thema, das den Kongress durchzog, die Frage nach investigativem Journalismus und der Technik. Neben anderen Journalisten, erzählte Laura Poitras, wie ihr Verschlüsselung geholfen hat, ihre Quellen und ihre Arbeit schützen zu können. Jake Applebaum, Mitentwickler vom Tor-Project, deckte auf, welche Verschlüsselungen NSA und Co brechen können, und welche wiederum die Geheimdienste vor Probleme stellen und bisher nicht zu knacken sind. Der Congress ist auch immer eine politische Veranstaltung. Irgendwie bleiben die Hacker eine Watchgroup, die den schlimmsten Ahnungen doch noch etwas Hoffnung entgegensetzen können. Sie benennen Probleme und zeigen auf, dass mehr möglich ist, als man denkt. Seit drei Jahrzehnten bleibt es dabei: Man soll sich der Technik nicht verwehren, sie aber auch nicht blind konsumieren, sondern sie sich aneignen, sie verstehen. Denn es bleibt bei allen Datenschutzproblemen der Aspekt des schöpferischen durch die Technik. Diese Ansichten wollen Hacker auch heute noch in die Gesellschaft tragen, beispielsweise durch Angebote für Kinder und Jugendliche (Chaos macht Schule, Jugend hackt). Und dabei schwebt wieder der Geist Wau Hollands über allem, der einmal sagte: „Was ist denn das einen Rechner aufzumachen, dagegen die Gesellschaft aufzumachen.“

Bildquelle: Poster des 31C3 – Chaos Computer Club

30 Jahre BTX-Hack – Ein Countdown

Anlässlich des 30. Jahrestages des BTX-Hacks hat die Wau Holland Stiftung einen Countdown gestartet, der bis zum 17. November, dem Tag des Ereignisses, herunter zählt. Dabei werden täglich Quellen  rund um den Hack veröffentlicht. Außerdem plant die Stiftung am 17. November ab 18 Uhr im Berliner Congress-Centrum eine Podiumsdiskussion, um an dieses wichtige Ereignis der deutschen Hackergeschichte zu erinnern.

Der Chaos Computer Club (CCC) ist bekannt für sein Engagement für Datenschutz und Datensicherheit. Diese Wahrnehmung von Hackern als Datenschützer nahm 1984 aufgrund des sogenannten BTX-Hacks ihren Anfang. Das Bildschirmtextsystem (BTX) der Deutschen Bundespost wurde 1983 deutschlandweit in Betrieb genommen. Es verband als Onlinedienst das Telefon und das Fernsehgerät miteinander. Sicherheitslücken und unausgefeilte Programmierungen machten das System zum Angriffsziel zahlreicher Hacker. Kritik und Verbesserungsvorschläge des CCC nahm die Post nicht an, was Wau Holland – Mitbegründer des CCC – und Steffen Wernéry zu einer medienwirksamen Aktion verleitete.

Durch einen Überlauf an Zeichen habe das BTX-System fälschlicher Weise aufgrund einer Sicherheitslücke die Zugangsdaten der Hamburger Sparkasse ausgegeben. Wernéry und Holland hatten daraufhin in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1984 die kostenpflichte Seite des CCC über den Zugang der Sparkasse aufrufen lassen. Dazu nutzen sie ein selbstgeschriebenes Programm, das die Seite immer wieder neu anwählte. So kamen in einer Nacht 135.000 DM zusammen, die dem Konto des CCC gutgeschrieben wurden. Wernéry und Holland wandten sich damit an die Medien. Da es ihnen bei dieser Aktion darum ging, Sicherheitslücken bei BTX aufzuzeigen, gab der Club das Geld zurück.

„Die Wau Holland Stiftung – in Kooperation mit dem Chaos Computer Club – möchte deshalb an diese zweite Geburtsstunde des CCC erinnern und veranstaltet am 17.11.2014 ab 18 Uhr im Berliner Congress-Centrum am Alexanderplatz u.a. eine Podiumsdiskussion mit Beteiligten und Zeitzeugen, die über die damaligen Vorgänge und ihren Bezug und ihre Bedeutung zur Gegenwart diskutieren. Der Eintritt ist frei.

Bildquelle: Bundesarchiv Plak 007-023-062